erschienen bei Euro am Samstag News.
Gold ist aufgrund von Inflationsgefahren auf dem Höhenflug, die Energie- und Metallpreise stehen wegen des globalen Nachfrageausfalls unter Druck – die Rohstoffmärkte stehen derzeit ganz im Zeichen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Auf dem 1. Rohstoff-Forum von ETF Securities und der Börse München unter der Leitung von €uro am Sonntag standen daher besonders die aktuellen Entwicklungen im Mittelpunkt.
Jochen Hitzfeld von der Unicredit-Tochter HVB, einer der führenden Rohstoffanalysten Deutschlands, Johann Fürstenberger, Leiter quantitatives Portfoliomanagement Aktien bei der Münchener-Rück-Tochter MEAG und ehemaliger Manager des Activest Geo Tech Fonds, Heiko Seibel, Vorstand beim Aktien- und Derivatehaus CM Equity AG, und Michael Geister von ETF Securities, dem größten Anbieter von Exchange Traded Commodities weltweit, diskutierten diese Woche vor 80 institutionellen Investoren aber auch über die kurz- bis langfristigen Chancen der Anlageklasse Rohstoffe.
€uro am Sonntag: Welchen Mehrwert bieten mir als Anleger denn Rohstoffe überhaupt im Portfolio?
Johann Fürstenberger: Ein Vorteil von Rohstoffen ist die – normalerweise – geringe Korrelation zu anderen Anlageklassen. In der Ausnahmesituation der zweiten Jahreshälfte 2008 traf dies zwar nicht zu, aber wenn man lange Zeitreihen betrachtet, stellt man fest, dass Rohstoffe einen positiven Diversifikationseffekt bieten. Zum Beispiel reduziert eine Rohstoffbeimischung zu einem ansonsten reinen Aktienportfolio die Volatilität. Außerdem haben Rohstoffe eine Eigenschaft, die wir „rechtsschief“ nennen, das heißt, es gibt mehr Ausreißer nach oben. Das liegt daran, dass Schocks im Rohstoffbereich meistens Angebotsschocks sind, wie beispielsweise Missernten, durch die OPEC reduzierte Ölförderquoten oder auch Wassereinbrüche in Goldminen, die den Preis in die Höhe treiben.
€uro am Sonntag: Soll man breit über alle Rohstoffe hinweg investieren oder sich einzelne Sektoren herauspicken?
Michael Geister: Wir sehen, dass sich institutionelle Investoren in Deutschland vor allem in sehr breiten Indizes wie dem Dow Jones AIG engagieren, europaweit beobachten wir Interesse an einzelnen Sektoren, vor allem Energie und Edelmetalle.
Fürstenberger: Grundsätzlich muss sich der Investor die Indizes sehr genau anschauen und entscheiden, ob er mit der Gewichtung zufrieden ist. Der Dow-Jones-AIG-Commodity-Index und der S & P GSCI sind die beiden am weitesten verbreiteten Benchmarks für institutionelle Investoren.
€uro am Sonntag: Wie schätzen Sie das Potenzial von Gold in den kommenden Monaten ein?
Jochen Hitzfeld: Bei Gold sind zurzeit 75 Prozent der Anleger bullish gestimmt. Das lässt mich misstrauisch werden, dass da vielleicht eine Gegenbewegung kommt. Langfristig sehe ich Gold allerdings positiv. Wenn man etwa vergleicht, was eine Cola vor 30 Jahren gekostet hat und was sie jetzt kostet, müsste Gold bei 1400 bis 1600 Dollar stehen. Das halte ich auch für fair.
Heiko Seibel: Der primäre Treiber für Gold ist zurzeit die Investmentnachfrage, nicht die Schmucknachfrage. Wir befinden uns in einer extremen Zeit. Gold hat einen monetären Charakter erhalten. Die Edelmetallhäuser waren und sind ausverkauft, auf einen Krugerrand muss man bei manchen Anbietern nach wie vor vier Wochen warten. Wir sind gerade Teil eines großen Experiments der Zentralbanken. Geht es in ihrem Sinn aus, wird viel Geld in den Markt kommen und wir sehen eine Inflation – ein Argument für Gold. Geht das Experiment nicht in ihrem Sinn aus – dann spricht das auch für Gold. Gold ist zurzeit die Assetklasse, in der man sein muss, vermutlich gilt das auch für die nähere Zukunft.
€uro am Sonntag: Was halten Sie davon, physisches Gold zu kaufen?
Seibel: Ich bin niemand, der mit einer Weltuntergangsstimmung rechnet, aber selbst wenn es die gäbe, dann würde wohl nicht der, der Gold hat, das letzte Brot bekommen, sondern eher jemand, der Waffen hat. Natürlich kann man sich ein bisschen physisches Gold in den Schrank legen. Man zahlt dann aber eben einen Aufschlag gegenüber physisch hinterlegten ETFs oder ETCs.
€uro am Sonntag: Wie entwickelt sich die Goldproduktion?
Fürstenberger: Für mehr oder weniger alle Rohstoffe gilt, dass die Produktion schwieriger geworden ist. Der Abbau der verbliebenen Vorkommen ist aufwendiger und damit teurer.
Geister: Die Produktion stagniert seit einigen Jahren, man kann ein so genanntes „Peak Gold“ unterstellen. Aufgrund der hohen Investitionskosten will niemand mehr noch vorhandene Vorkommen erschließen oder in in politisch instabilen Ländern neue Projekte beginnen.
€uro am Sonntag: Bekommen die Produzenten auch die Finanzkrise zu spüren?
Seibel: Für Goldexploration gibt einem momentan weder eine Bank noch ein Eigenkapitalinvestor Geld. Deshalb sieht es auf dem Explorationssektor schlimm aus. Da gibt es Firmen, die unter Cash notieren, obwohl sie profitabel arbeiten und noch auf profitabel erschließbaren Vorkommen sitzen.
Fürstenberger: Die Rohstoffförderung ist enorm kapitalintensiv. Produzenten brauchen deshalb einen sehr langen Atem und entsprechend langfristige Finanzierungen. Es dauert rund acht Jahre, bis eine neue Mine überhaupt Gewinn abwirft. Große finanzstarke Unternehmen sind da klar im Vorteil.
Jochen Hitzfeld: Wenn es darum geht, in die Goldproduktion zu investieren, fürchten alle den Hype. Mit welchem Goldkurs soll man denn bei einem neuen Projekt rechnen? Jeder weiß, die Stimmung kann sich drehen. Deshalb werden sich Unternehmen im Zweifelsfall immer für Investitionen in die Produktion von Industriemetallen entscheiden. Allerdings: Wenn das Zentralbank-Experiment schiefgeht, braucht man Gold, um eine neue Währung aufzubauen. Marc Faber sagt, die USA seien in 15 Jahren pleite.
Fürstenberger: In diesem sehr unwahrscheinlichen Szenario dürfte eher der Euro die neue Leitwährung werden.
€uro am Sonntag: Wie stehen Sie zu den Edelmetallen Silber, Platin oder Palladium?
Hitzfeld: Silber sehen wir neutral. Platin und Palladium sind sicher fundamental am aussichtsreichsten.
€uro am Sonntag: Die Wirtschaftsnachrichten werden immer schlechter, aber der Ölpreis steigt. Wer ist die treibende Kraft hinter den Kurszuwächsen?
Geister: Seit November wetten die Marktteilnehmer auf steigende Ölpreise. Der Anteil derer, die Öl shorten, ist im Moment vernachlässigbar klein. Im vergangenen Sommer war das genau umgekehrt.
Fürstenberger: Der Ölpreis dürfte langfristig aufgrund der höheren Ölförderkosten deutlich steigen – allein die Erschließung neuer Quellen wird zunehmend teurer. Die neu entdeckten Ölvorkommen vor der Küste Afrikas befinden sich zum Beispiel in 1500 Metern Wassertiefe, und dann muss noch mal 1000 Meter tief gebohrt werden. In Saudi-Arabien lagen die Förderkosten bei zwei bis drei US-Dollar pro Barrel, jetzt reden wir von 75 US-Dollar pro Barrel bei kanadischem Ölsand oder Tiefseebohrungen. Spätestens wenn die Konjunktur wieder anspringt, wird auch der Ölpreis wieder deutlich anziehen.
€uro am Sonntag: Bei Öl, aber auch bei den anderen Rohstoffen heißt es immer wieder, Spekulanten würden die Preise drücken oder in die Höhe treiben. Sehen Sie das auch so?
Hitzfeld: Gerade Öl ist einer der größten und liquidesten Märkte. Es wird viel over-the-counter gehandelt, das heißt, der Handel ist nicht standardisiert. Wir wissen also nicht, wer die Teilnehmer sind. Generell gilt natürlich: Spekulanten verstärken jeden Trend.
Fürstenberger: Ich glaube aber, letztendlich werden sich immer die Fundamentaldaten durchsetzen. Spekulanten können einen Markt nicht langfristig drehen, und umgekehrt kann sich ein Markt nicht langfristig völlig von den Fundamentaldaten entkoppeln.
€uro am Sonntag: Die OPEC hat die Fördermenge im Zuge der Wirtschaftskrise um vier Millionen Barrel gekürzt. Es wurde viel darüber diskutiert, ob diese Kürzungen eingehalten werden und ob sie ausreichen. Wie ist die Rolle der OPEC zu bewerten?
Hitzfeld: Die OPEC weiß, wenn sie die Fördermenge kürzt, gibt es niemanden, der dagegensteuern kann. In den 80er-Jahren gab es noch Nordseeöl und die Atomenergiewelle, da hatten wir Energie ohne Ende. Aber jetzt gibt es keine großen Alternativen. Die Produktion in Russland stagniert. Die Nicht-OPEC-Länder haben ihren Förderhöhepunkt überschritten. In einem Jahr werden wir wohl zurückblicken und sagen, dass die OPEC die Fördermenge viel zu stark gekürzt hat. Dass man hätte berücksichtigen müssen, dass die Erdölnachfrage vermutlich die stabilste Nachfrage des Universums ist. Sie ist in vergangenen Krisen nie gesunken, nur jetzt, in der Superkrise, vorübergehend zurückgegangen. Die Erdölfördermengen sinken, weil wir keine neuen Quellen erschließen, alle Projekte liegen auf Eis. Deshalb ist Öl im Contango, das heißt, der Future-Preis für Öllieferungen in der Zukunft liegt höher als der aktuelle Spotpreis.
Fürstenberger: Die OPEC-Politik ist schwer zu prognostizieren, aber mein Eindruck ist, dass sie immer besser funktioniert. 2001 habe ich noch gelesen, die OPEC verliere an Einfluss. Fünf Jahre später ist sie eine der mächtigsten Organisationen, und jeder hängt an den Lippen ihres Vorsitzenden. Das billigste Öl wird nun mal in der OPEC gefördert. Die jüngst außerhalb der OPEC entdeckten Ölfelder weisen wesentlich höhere Produktionskosten auf. Langfristig werden deshalb auch die Themen Energieeffizienz und alternative Energien immer wichtiger.
€uro am Sonntag: Bei Agrarrohstoffen haben wir 2008 eine Preisexplosion erlebt, dann sind die Kurse wieder eingebrochen. Wie sieht hier die aktuelle Situation aus?
Hitzfeld: Die Nachfrage wird hier von mehreren Faktoren getrieben: Die Weltbevölkerung wächst um circa 1,2 Prozent pro Jahr. Es gibt eine Nachfrage durch Biotreib- und Biowerkstoffe, und es gibt den Trend zu qualitativ höherer Nahrung in Schwellen- und Entwicklungsländern. Demgegenüber sind die Agrarflächen seit 30 Jahren in etwa gleich geblieben, seit 1980 hat sich die Agrarfläche pro Kopf halbiert. Die fortschreitende Industrialisierung bedeutet einen weiteren Verlust von Agrarflächen. Problematisch ist auch die große Süßwassermenge, die beispielsweise zur Erzeugung von Weizen nötig ist. Der Klimawandel wird vermutlich für mehr Extremwetterereignisse sorgen. In den vergangenen neun Jahren konnte in jedem zweiten Jahr das Angebot die Nachfrage nach Agrarrohstoffen nicht decken.
Fürstenberger: Wir hatten aber relativ hohe Lagerbestände, aus denen die Differenz gedeckt werden konnte. Der Lagerbestand lag einmal bei einer Versorung für 120 Tage, jetzt sind es nur noch 65 Tage. Damit sind wir jetzt in der Nähe dessen, was bei Öl als kritisch angesehen wird.
Seibel: Agrarrohstoffe sind ein sehr enger Markt. Bei Reis werden zum Beispiel nur sechs Prozent der weltweiten Ernte überhaupt exportiert, die Produktion findet zum größten Teil in drei, vier Ländern statt. Sobald da eine Ernte schlechter ausfällt, führen die produzierenden Länder eben nichts aus. Im ersten Halbjahr 2008 wurden 40 Prozent der Getreideexporte durch Exportbeschränkungen vom Markt genommen. Die Situation spitzt sich zusätzlich zu, weil entlang der ganzen Kette, vom Landwirt bis zum großen Nahrungsmittelhersteller, spekuliert wird. Zusätzlich beobachten auch noch Finanzspekulanten die Futures, und wenn sich da etwas bewegt, wird das sofort registriert, und alle springen gleichzeitig auf den Zug auf.
€uro am Sonntag: Rechnen Sie in absehbarer Zeit wieder mit steigenden Preisen bei den Agrarrohstoffen?
Hitzfeld: In der zweiten Jahreshälfte 2008 sind die Preise wieder gesunken, weil zufällig viele günstige Faktoren aufeinandertrafen. Eine gute Ernte, keine Exportstopps, gesteigerte Produktivität insbesondere im ehemaligen Ostblock. Aber derzeit ist der Pessimismus grenzenlos.
€uro am Sonntag: Weshalb?
Hitzfeld: Es wurden bereits neun Prozent weniger Winterweizen angebaut, in den USA rechne ich mit einem Rückgang der Mais- und Sojaanbaufläche um fünf bis zehn Prozent. Viele aufstrebende Agrarländer wie Argentinien können sich aufgrund der Finanzkrise keine neue, produktivitätssteigernde Technologie mehr leisten. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage aber nicht. Wer isst schon weniger Schnitzel, nur um die Verluste im Aktiendepot auszugleichen? Ich rechne für dieses Jahr wieder mit einem Primärdefizit und mit einer neuen Agrarhausse.
Ich stimme in vielen Punkten nicht mit den im Bericht genannten Investitionsmöglichkeiten und Ansichten überein,
möchte aber nur eine Sache speziell ansprechen.
Der physische Kauf u. Besitz, sowie die physische Verwahrung/Lagerung echten Goldes, ist in meinen Augen immer einem Papierversprechen vor zu ziehen.
28.03.09
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